Bettina Gies, Geografin, Kulturökologin und Geschichtenerzählerin

Porträt Bettina Gies.

Bettina Gies. Foto: Schola Rheni

„Wir bespielen mit Hildegard von Bingens „Tanz der Kräfte“ den gesamten Raum der Wallfahrtskirche in Eibingen. Der Zuschauer soll das Gefühl haben, selbst Teil des Geschehens zu sein.“ Bettina Gies, Spielleiterin der Schola Rheni, steht zwischen Kisten mit frisch geernteten Äpfeln in ihrer Wiesbadener Wohnung und kocht uns erstmal einen schönen heißen Tee. Ich fröstle, denn ich habe mich von der Sonne täuschen lassen und bin zu sommerlich angezogen. Dann machen wir es uns im Wohnzimmer gemütlich. Die Gastgeberin borgt mir eine warme Decke und erklärt mir das Mysterienspiel, seine Entstehung und ihren eigenen Weg zum Spiel.

Vom der Stadt-Profilerin zur Stadt-Geschichten-Erzählerin

Uferpromenade am Rhein.

Uferpromenade in Biebrich. Foto: Clia

„Es gehört zu meinem darstellerischen Konzept, Orte in die Aufführung  mit einzubeziehen,“ erklärt Bettina. Sie bringt gespielte Geschichte zurück an ihre historischen Plätze. Ihre eigene Geschichte ist ihr ebenfalls wichtig: „Ich bin Wiesbadenerin in der vierten Generation. Die Wurzeln meiner Familie liegen in Nassau. Meine Mutter stammt aus der Schweiz.“ Bettinas Berufsleben begann in den 90ern.

„Nach einer mehrjährigen Mitarbeiter am globalen Agenda-21-Prozess in Wiesbaden übernahm ich einen Projektauftrag in der Stadtentwicklung,“ erinnert sich die Geografin und Kulturökologin. Sie entwickelte ein Profil des Wiesbadener Stadtteils Biebrich, einst eine eigenständige, von Industrie und Handwerk geprägte Stadt am Rhein. „Ich recherchierte Geschichte und Kultur der ortsansässigen Unternehmen, schaute auf ihr Umfeld und die Beteiligten. Es ist wichtig, dass ein Stadtentwicklungsprojekt ins Umfeld passt, sonst gibt es Reibungsverluste.“ Neben dem Stadtteilprofil entstanden historische Stadtspaziergänge und Rauminszenierungen.

Von der Expo 2000 in die Wallfahrtskirche Eibingen

Bettinas erstes größeres Spielprojekt wurde dann, im Auftrag der Staatskanzlei Rheinland Pfalz, „Gutenberg! Ein Spiel für einen Mann und seine Stadt“. Ein Beitrag zur Expo 2000. Gleichzeitig entwickelte die Spielleiterin kleinere Inszenierungen in Wiesbaden und dem Rheingau.

„2001 kam eine Anfrage vom Rüdesheimer Weihnachtsmarkt. Die Betreiberfamilie wollte gerne, dass ich das Krippenspiel aufbaue.“ Das Spiel kam gut an. „Und im folgenden Jahr fragte die Wallfahrtsseelsorge von St. Hildegard in Rüdesheim-Eibingen an, ob ich Interesse daran hätte, ein Mysterienspiel zu Leben und Werk der Hildegard von Bingen zu entwickeln.“ Bettina wollte und das Spiel wurde Tradition.

Gleichzeitig gründete Bettina die Schola Rheni, eine Gesellschaft für Geschichte und Brauchtum im Rheintal. Unter dem Dach der Schola entstehen nicht nur Krippen-, Mysterien- und mittlerweile auch das Martinsspiel. Bettina leitet Programme für Kinder und veröffentlicht Bücher über die Geschichte des Rheintals.

Das Mysterienspiel der Heiligen Hildegard von Bingen

Blick in die erleuchtete Kirche.

Blick auf´s Spiel. Foto: Schola Rheni

Das Spiel zum Fest der Heiligen Hildegard im September findet in diesem Jahr zum 13. Mal statt. Die Schola Rheni zeigt den „Tanz der Kräfte“. Dieses Stück stammt von Hildegard selbst. Sie schrieb es für ihre Klostergemeinschaft. Die Äbtissin, das ist heute ein wenig in Vergessenheit geraten, war nicht nur Ordensfrau und Heilkundige. Sie war auch Komponistin. Neben dem geistigen Spiel „Ordo Virtutum“ hinterließ sie 77 liturgische Gesänge.

„Ordo Virtutum“ entstand 1152. Dieses Jahr war für Hildegard nicht einfach. „Frauen waren seit der ersten Jahrtausendwende von weltlichen Titeln und Erbrechten ausgeschlossen. Frauenklöster und spirituelle Gemeinschaften bildeten Oasen der Selbstbestimmung,“ erzählt Bettina. „Doch die kulturelle Blüte der Romanik und das Bevölkerungswachstum brachte die damalige Gesellschaft an Grenzen. Tiefe Umbrüche, große Wanderbewegungen und aufbrechende Konflikte zwischen Kirche und Staat prägten die Zeit.“ Die Ehe wurde aufgewertet. Das gefährdete die Stellung der Nonnen und das Klosterleben war für Frauen nun weniger reizvoll. Gleichzeitig hatte Hildegard einen schweren persönlichen Verlust zu verkraften. Ihre Vertraute, Richardis von Stade, ging als Äbtissin nach Norddeutschland. All das dürfte die Komponistin und ihre Arbeit beeinflusst haben.

Das Mysterienspiel in der Wallfahrtskirche Eibingen

Schiefertafel.

Tafel an der Wallfahrtskirche St. Hildegard. Foto: Clia

„Wir zeigen heuer, zum 850. Jubiläum der Hildegard-Tradition am Kirchort Eibingen, eine großes Inszenierung,“ erklärt Bettina. „Sieben Singstimmen und 14 Schaupieler stellen 16 Kräfte des Menschen dar. Im Zusammenspiel besiegen sie das Böse.“ Das Singspiel erzählt von der menschlichen Seele und ihrem Ringen zwischen Kraft und Versuchung. Die Humilitas, Demut im Sinne geerdeter Bodenhaftung und verköpert von Bettina, leitet die übrigen Kräfte durch ihren Kampf.

Aufführungstermine und Mitwirkende

Das Mysterienspiel „Tanz der Kräfte“ wird in diesem Jahr zweimal gezeigt. Die erste Auführung findet am Vorabend des Hildegardistages, also am Mittwoch, 16. September um 19.30 Uhr statt. Das zweite Spiel ist am Sonntag, 20. September um 15 Uhr. Der Eintritt in die Wallfahrtskirche Eibingen ist kostenlos, Spenden willkommen.

Neben Bettina Gies (Agentur 50 Grad Nord, Wiesbaden und Schola Rheni, Rüdesheim) wirken mit: Bharathi Avireddy (Indische Tanzakademie, Frankfurt), Christian Eckert (Academy für moderne und historische Kampfkunst, Hochheim), Robert Seiler (Schauspieler und Theaterpädagoge, Berlin), die Theatergruppen der Internatsschule Schloss Hansenberg und dem Rheingau Gymnasium (beide Geisenheim), Sängerinnen aus Wiesbaden und dem Rheingau unter der Leitung von Franz-Josef Oestemer (Kantor St. Elisabeth, Wiesbaden).

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2 Gedanken zu „Bettina Gies, Geografin, Kulturökologin und Geschichtenerzählerin

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